Hexen, Teil 1 – Die Weisen Frauen unserer germanischen Vorfahren

Im letzten Artikel handelte von: „Die keltischen Druiden – die Baum-Weisen, die mit den Bäumen sprechen konnten“. Sie stellten das männliche Pendant zur Hexe dar. Weiß man über die Druiden nur Dürftiges, so gibt es über die Hexen weit mehr zu berichten. In diesem Artikel möchte ich mit dir zurück zu ihren Ursprüngen gehen und ein neues Licht auf ihr eigentliches Wesen werfen – nichts was etwas mit den modernen Klischees der Hexe gemein hat.

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Sie haben hakige, krumme Nasen, ein verunzeltes Gesicht mit schiefen Zähnen und wohnen irgendwo versteckt im Walde. Und sie sind natürlich böse. Das stellen sich zumindest die meisten Leute heutzutage unter einer Hexe vor, wenn sie das Wort hören. In so gut wie jedem Film repräsentiert sie die dunkle Macht, die andere Menschen verzaubert und ihnen Übles will. Und selbst wenn sie manchmal als schöne Frau erscheint, so verbirgt sich doch etwas zutiefst Hässliches hinter dieser verzaubernden Maske. Da müssen sich die Männer schon ordentlich in Acht nehmen! Eine Frau als „Alte Hexe“ zu bezeichnen, ist definitiv ein Schimpfwort und keine Liebkosung.

Das Klischee der Hexe

Fragt sich, womit hat die Hexe das alles verdient? War sie in ihrem Ursprung wirklich die „Böse Zauberin“, welche unschuldige Menschen mit Flüchen und Krankheiten belegte, kleine Kinder entführte oder gar heftige Unwetter heraufbeschwörte? Musste man wirklich Angst vor ihnen haben oder hatten sie für die herrschende Oberschicht einfach nur zu viel Macht inne, die ihnen letztendlich das Todesurteil bescherte?

Wahrscheinlich war es so. Denn, was kaum einer weiß – Hexen waren in ihrem Ursprung alles andere als Unheilbringend. Sie hatten vielschichtige Aufgaben in der Gesellschaft – von der Heilkundigen bis hin zur Hebamme und Seherin. Sie waren die Behüterinnen eines heiligen Wissens, das der klaren Quelle der Intuition, der Hellsichtig,- und Fühligkeit sowie einer unmittelbaren Schau der Natur entsprang. In ihrem Ursprung stellt die Hexe die Verkörperung der weiblich-schöpferischen Kraft der Erde da, um diese in ihrem heilenden Aspekt den Menschen zukommen zu lassen. Und ihr Wirken hatte Kraft und vor allem auch Macht, weshalb sie irgendwann auch gefürchtet wurden.

Um letztendlich die Rolle der Hexe zu verstehen, muss man weit zurück bis an die Wurzeln gehen. In eine längst vergangene Zeit, wo Frauen insgesamt ein hohes Ansehen genossen und weit mehr als nur liebende Mütter versinnbildlichten.

Zurück zu den Wurzeln – Der Beruf der Seherin

Die Herrschaft der Frau

Unsere urheimischen Wurzeln gehen zurück bis in eine Zeit um ca. 6000 v. Chr. Diese ursprünglichen, alteuropäischen Gesellschaften waren damals matrilinearisch ausgerichtet. Das heißt die Frau war die Herrschende und Gebietende und die Erde war ihr heilig. Denn es wurden die Naturgottheiten des Wassers, der Erde, des Wachstums, der Wonne, der Fruchtbarkeit und des Waldes verehrt. Allessamt nährende und beschützende Kräfte, die mit gefeierter Sexualität und üppiger Fülle in Verbindung standen. So fand man um diese Zeit herum 10x mehr Göttinnen-Statuen als Götter-Statuen, keinerlei Befestigungsanlagen, Waffen, Streitwägen oder sonstige kriegerische Utensilien! Allen Anschein nach kannten die alteuropäischen, weiblich ausgerichteten Kulturen keinen Krieg – zumindest nicht im herkömmlichen Sinne.

Die Vorfahren der Kelten und Germanen

Doch dieser Frieden währte nicht ewig. Im 3. und 4. Jahrtausend wanderten nomadische, patriarchalische Kriegerbanden ein und überfielen die einheimischen, matrilinearen Gesellschaften. Es waren die von Osten, also Asien, Russland usw., kommenden Stämme der Kurganen und Arier, die wir heute als Indoeuropäer bezeichnen. Diese männlich organisierten Nomadenvölker brachten ihre eigenen Himmelsgötter wie Wotan, Odin und Thor mit und integrierten die weiblichen Naturgottheiten in ihre religiöse Auffassung. Über die Jahrtausende verschmolzen diese Völker miteinander und wurden so die direkten Vorfahren der Kelten und Germanen.

Völvas – Der Beruf der Seherin

Obwohl durch die Vermischung dieser einwandernden und kriegerischen Hirtenvölker die weiblich organisierten Strukturen aufgelöst und verändert wurden, hatte die Frau dennoch eine wichtige Stellung inne. Vor allem war sie dem Mann auf Augenhöhe gleichgestellt. Etwas, was für die streng männlich organisierten Römer unverständlich erschien.

Der römische Geschichtsschreiber Tacitus bemerkte dazu: „…dass die alten Germanen in ihren Frauen so etwas wie heilige Wesen mit Sehergabe“ erblickten und fügte hinzu, „dass sie den Frauen eine derartige Verehrung erwiesen, ohne dass man ihnen…in niedriger Unterwürfigkeit geschmeichelt oder gar Göttinnen aus ihnen gemacht hätte.“ (Auszug aus dem Buch „Kelten“ von Helmut Birkhan)

Die Frau hatte innerhalb des Clans, also des Stammes, sehr wichtige Aufgaben inne und wurde hoch geschätzt. Eine bestimmte Gruppe von Frauen repräsentierten die sogenannten Völvas oder Seherinnen. Das Wort „Völva“ bedeutet „Stabträgerin“ und baut auf dem altnordischen Wort „völ“ („Stab“) auf. Ralph Metzner beschreibt in seinem Buch „Brunnen der Erinnerung“, dass die Völvas bei ihren Wahrsageritualen unter anderem einen mit Bronze umwickelten Stab mit Steinen am Ende hatten und einen Dolch mit einem Griff aus Elfenbein bei sich trugen. Die Spitze des Dolches war dabei abgebrochen. Eine abgebrochene Spitze bedeutet immer, dass diese Waffe für eine Zeremonie und nicht für den Kampf gedacht ist. Völvas waren hochbegabte Medien mit außersinnlichen Fähigkeiten. Sie machten ihre Prophezeiungen und Weissagungen im Rahmen eines Rituals, das altnordisch „Zauber“ genannt wurde.

„…Die Seherin sitzt diesen Beschreibungen zufolge auf einer hohen Plattform. Zu Beginn der Zeremonie werden von jungen Mädchen Lieder und Beschwörungen angestimmt, die scheinbar eine Art Trance oder veränderten Bewusstseinszustand bewirken. Die Völva fängt dann an, heftig zu atmen, schließt ihre Augen, seufzt und wiegt ihren Kopf, manchmal auch Hände und Stab….“ (Ralph Metzner, Brunnen der Erinnerung, S. 150)

Die „Völva“ – Die „Stabträgerin“

Diese Seherinnen wurden zu Rate gezogen, wenn es z.B. um Ernteerträge, den Erfolg einer Jagd oder eines Raubzuges ging, aber auch um das Schicksal von Einzelnen oder Liebespaaren vorherzusagen. Manchmal wurde sie auch angerufen, um einen Zauberbann zu brechen oder einen neuen zu erwirken. In diesem Sinne galten sie als mächtige Magierinnen, die man auch zu fürchten wußte. Die erhaltenen Berichte weisen darauf hin, dass die Völvas ursprünglich in Neuner- oder Dreizehnergruppen umherreisten, um ihre Weissagunsrituale durchzuführen. So darf man annehmen, dass es sich bei dieser „Seherschaft“ um einen Beruf handelte, der von Frauen organisiert und ausgeübt wurde.

Wie wurde nun aber aus diesen hochangesehenen Völvas Hexen?

Die Geburt der Hexe – „Hagazussa“

Die Wilde Hecke als schützende, undurchdringliche Wand

Dazu musst du verstehen, dass unsere Vorfahren einst im und mit dem Wald lebten. Der Wald war ihnen heilig. Wolf-Dieter Storl beschreibt im Buch „Hexenmedizin“, dass noch bis ins frühe Mittelalter hinein die Baumdecke in ganz Europa so dicht war, dass ein Eichhörnchen von Dänemark bis Südspanien von Baum zu Baum hätte springen können, ohne auch nur jemals den Boden berühren zu müssen! So waren die ersten neolithischen Siedlungen winzige Inseln im Grünen Blättermeer von Wald!

Als die Menschen dann sesshafter wurden, begann man Bäume zu fällen, um Ackerbau zu betreiben. Aufgrund dessen, dass die Flächen stetig freigehalten und die ständig wuchernden Sträucher am Waldrand immer wieder zurückgeschnitten wurden, entstand irgendwann die legendäre Hecke. Bestehend aus Weißdorn, Wildrose, Brombeere, Schlehdorn und anderem wilden Gewächs, repräsentierte sie eine dichte, undurchdringliche Wand, die vor allem Schutz bot. Denn der Wald galt inzwischen als unheimlich. Es war der Ort, wo die wilden und gefährlichen Tiere lebten, vor denen man sich in Acht nehmen musste. Gleichzeitig hielt die Hecke auch das Wild davon ab, über die Ernte herzufallen. Die Hecke war der „lebende Zaun“, der die nötige Sicherheit vermittelte. Noch heute symbolisieren die dornigen Heckengewächse, vor allem der Weißdorn und die Wildrose, den geschützten, ungestörten Schlaf. Im Märchen von „Dornröschen“ scheint diese Symbolik beispielsweise stark auf.

Die Hagazussa – Die Heckensitzerin

So teilte sich die Welt allmählich in befriedetes Kulturland einerseits und andererseits in die Wildnis da draußen hinter der Hecke. Innerhalb der Hecke grasten die zahmen Nutztiere, außerhalb davon wohnten die gefährlichen, wilden Tiere. Bei den Menschen wohnten die freundlichen Haus- und Hofgeistern und jenseits des Dornengestrüpps hausten dämonische Gestalten. Aber so wie heute auch, galt der Waldrand, die natürliche Hecke, als der Standort, wo besonders heilkräftige Kräuter und Zauberpflanzen wuchsen. Da die Frauen als „Sammlerinnen“ seit Alters her den Pflanzen näher standen als es die Männer als „Jäger“ taten, wuchsen die Mädchen mit der Kunst des Kräutersammelns auf und lernten ihre Heilkräfte entsprechend einzusetzen.

So hielten sich gewisse Frauen wohl oft stundenlang im Bereich der Hecke auf, was ihnen die Bezeichnung „Hagadise, Hagezusse“ einbrachte – „das Weib“ („Zussa“) oder „der Geist“ („Dise“) „im Hag“ („der Hecke“). So und ähnlich nannten sie die verschiedenen germanischen Völker. Die alten Skandinavier tauften sie auch „Tunritha“ – „die Zaunreiterin“. Der Begriff Hexe lässt sich also ganz vereinfacht auf „hae“ – „Gebüsch“ oder „hag“ – „Hecke“ – zurückführen und bedeutet schlicht „Busch- oder Waldweib“.

So waren die ursprünglichen Hexen unter anderem heilkräuterkundige Frauen, die viel Zeit mit dem Sammeln von Pflanzen verbrachten. Aber nicht nur deshalb bekam sie die Bezeichnung „Heckensitzerin“, sondern auch, weil sie in der Ausübung als Völva mit der Anderswelt verkehren konnte. Denn die Hecke symbolisierte auch die Wand zwischen Diesseits und Jenseits. Sie war wie ein Schleier zwischen den Dimensionen der Wirklichkeit. Und die Seherinnen vermochten in diese anderen Welten zu reisen, um von dort Botschaft und Heilung zu erwirken. Ähnlich wie die heutigen Schamanen fielen sie dazu in eine Art Trance. Das Wort „Trance“ kommt übrigens aus dem lateinischen „transire“ und bedeutet so viel wie „hinübergehen“. Sie „gingen“ also jenseits der Hecke und vermochten sich durch den „Schleier“ der Welten hindurch zu bewegen.

Völvas waren hochbegabte Medien und Magierinnen, die umherreisten, um ihre Weissagunsrituale durchzuführen.

Das Wiedererwachen der Naturgöttinnen

Alles in allem war die Hexe ursprünglich also alles andere als böse. Eher galt das ihr zugrundeliegendes Prinzip als heilig und lebensbringend. Das englische Wort für Hexe – „witch“ – weist sehr direkt darauf hin. Es leitet sich nämlich aus der Bezeichnung „wicca“ ab, was so viel wie „die den Göttern geweihte“ bedeutet. Denn die Hexe hatte in der Gesellschaft überlebenswichtige Rollen, die ihr großes Ansehen einbrachten.

Welche Aufgaben sie als Kräuterheilkundige, Hebammen, Liebesorakel, Seherinnen wie Magierinnen ausübten, erfährst du in einem meiner nächsten Artikel. Denn hier gibt es so viel Spannendes zu erzählen, dass es den Rahmen hier sprengen würde.

Aber eines sei gewiss. Die Kraft der Hexe in ihrem lebensbejahenden und heilbringenden Aspekt beginnt heutzutage wieder neu zu erwachen. Auch wenn über die Jahrtausende alles Mögliche dazu unternommen wurde, dieses heilige Wissen von der Bildfläche verschwinden zu lassen – es kehrt zurück.

Heilkräuterkurse, Hildegardmedizin und Naturtherapien sind im Vorschreiten und rücken immer mehr ins Bewusstsein des modernen Menschen. Immer mehr Frauen entdecken ihre weibliche Schöpferkraft jenseits des Mutterseins und finden zurück zu ihren eigentlichen Wurzeln, die der tiefen Weisheit von Mutter Erde entspringen. Dabei geht es in dieser wiedererwachenden Naturmedizin um weit mehr als um das praktische Wissen von Heilkräutern im Einsatz für körperliche Beschwerden aller Art. Es geht letztendlich darum wieder eine ganzheitliche Schau der Natur zu erlangen. Sie nicht nur in ihrem stofflichen sondern auch in ihrem unsichtbaren, feinstofflichen Anteil wahrzunehmen und anzuerkennen.

Es ist die verschüttete Fähigkeit mit den Tieren und Pflanzen zu reden und mit den Natur- und Elementarwesen Kommunion zu halten. Wenn wir uns für diese Kräfte wieder öffnen, das was einst die Völvas, Seherinnen und Magierinnen taten, dann verbinden wir uns wieder mit allen uns zur Verfügung stehenden Ressourcen – wesenhafte Energien und Kräfte, die uns ständig umgeben. Und wenn das geschieht erkennen wir vor allem eines: Das wir selbst Teil der Natur sind und nicht von ihr getrennt leben. Wir kommen zurück nach Hause.

Ich freue mich auf dein Kommentar!

herzliche Grüße,

Alfred Zenz Jun.

PS:
Mehr über die Völvas, Hexen und Magierinnen und ihren männlichen Kollegen den Druiden, erfährst du aktuell in meinem Vortrag „Druiden, Hexen & Zauberer“, den ich derzeit in Teilen Österreichs halte.

PPS:
Du möchtest das Vergessene Wissen der Druiden, Kräuterhexen und Pflanzenheilkundigen in dir wieder zum Leben erwecken?

…dann werden dich diese Veranstaltungen sicher interessieren:

„Zur Natur Erwachen“ – 4tages-Intensiv-Retreat zur Erweckung deiner (über)natürlichen Fähigkeiten; an einem wunderschönen Kraftort in Südkärnten

„Ausbildung zum Medium für Pflanzen- und Naturwesen“ – heuer erstmals im Programm! Sie findet in der Nähe von Graz statt und erstreckt sich über 3 Module.

 

 

 

Quellennachweis

  • Wolf-Dieter Storl, Christian Rätsch, Claudia Müller-Ebeling, Hexenmedizin, 10. Auflage 2015
  • Ralph Metzner, Brunnen der Erinnerung, 3. verbesserte Auflage 2016
  • Helmut Birkhan, Kelten: Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur
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