„In dieser Stille wartete etwas. Der nächste Atemzug. Er kam wie ein Geschenk – und Cinza verstand plötzlich, dass er das immer gewesen war. Nur hatte niemand Danke gesagt.“ (aus dem Buch „Cinza und der Fischerweg“ von Christian Partner)
Dieser Artikel ist meiner Mutter gewidmet, die am 23. September 2026 ihre letzte Reise angetreten hat.
Wir haben Herbst, Äpfel und Nüsse zieren so manchen Küchentisch, die Felder sind abgeerntet und wir haben auch schon die ersten Esskastanien im Wald gesammelt. Hülle und Fülle wohin das Auge blickt. Im Herbst findet bei uns das Erntedankfest statt, bei dem wir der Erde für ihre Früchte danken. So lese ich in einem Artikel: „Das Erntedankfest ist in der katholischen Kirche seit dem 3. Jahrhundert belegt. Der verantwortungsvolle Umgang mit der Schöpfung und die Dankbarkeit für die Gaben der Natur sind zentrale Gedanken dieses Fests …“
Ich habe mich oft gefragt: „Was geben wir Menschen der Erde eigentlich zurück für all die Gaben und Geschenke, die sie uns tagtäglich macht?“ Ist unser „Danke“ ein ehrlich gemeintes Dankeschön, dem Taten und Handlungen folgen oder nur eine leere Floskel?
Wir waren vor kurzem auf einer Pilgerreise entlang der Atlantikküste Portugals. Wir wanderten am Fischerweg (Rota Vicentina), der zu den schönsten und besterhaltenen Küstenregionen Europas zählt.1 Obgleich wir über zwei Wochen lang spektakuläre Ausblicke auf Steilklippen mit dagegen brechenden Wellen und bizarren Dünenlandschaften machen durften, offenbarten sich uns im Landesinneren zum Teil Einöden von mit Plastikfolien bedeckten Feldern und endlose Weiten, ohne einen einzigen Baum. Wir fragten uns tatsächlich: „Wo sind die Bäume geblieben?“ Sollten wir nicht zumindest in einem Naturpark an Kreislaufwirtschaft denken?
Unsere Absicht, mit der wir diese Medizinwanderung antraten war die Frage: „Was ist unser Beitrag an diese Welt? Welche Spuren möchten wir hinterlassen, wenn wir gehen?“ Dieser Artikel ist ein Teil der Antwort.
Vom Geben und Nehmen in der Natur – Wir sind Mehrfachorganismen
Wenn wir von zurückgeben sprechen, bedeutet das in diesem Fall nichts anderes, als der eigenen Natur gemäß zu leben. Können wir überhaupt das Geben verweigern sobald wir in einer lebendigen Beziehung mit unserer Natur sind? Ist dann nicht jeder Atemzug automatisch ein Geben und Nehmen – Sauerstoff einatmen, den der Wald produziert und Kohlendioxid ausatmen, den Pflanzen für die Fotosynthese brauchen? Steht nicht jeder Pilz im Boden in irgendeiner Weise in Symbiose mit den Wurzeln eines bestimmten Baumes – hilft ihm beim Informations- und Nährstoffaustausch und erhält dadurch einen Teil des vom Baum durch Fotosynthese produzierten Zuckers?
Selbst unserer menschlicher Körper ist ein komplexer, über die Jahrmillionen entstandener „Mehrfachorganismus“, der aus vielen Einzellebewesen besteht, die untrennbar und wechselseitig miteinander verbunden sind. Ein Beispiel dafür sind die „Proteo-Alphabakterien“, besser bekannt als „Mitochondrien“, die im Laufe der Evolution Teil unserer Zellen wurden und uns das Atmen ermöglichen. Und das ist nur ein Beispiel: Schätzungsweise beherbergt der Mensch an die 100 Billionen (!) von Mikroben und damit zehnmal so viele wie eigene Körperzellen! 2 Der Begriff „Individuum“, der aus dem lateinischen kommt und so viel wie „das Unteilbare“ bedeutet, ist biologisch betrachtet wahrlich keine zutreffende Beschreibung von dem, was wir sind.
Ob wir wollen oder nicht: Wir sind in einem ständigen Austausch mit anderen Lebewesen, in einer nährenden Kooperation, die uns als eigenes, kleines Ökosystem namens Mensch überhaupt erst leben lässt. Geben und Nehmen sind Naturgesetze des Lebens, keine moralischen Gebote.
Erntedank – wie können wir der Erde danken?
Ich glaube, dass Erntedank bei uns selbst und unserer eigenen Erde, unserem Körper, beginnt. Wir geben indem wir gut auf unseren Körper-Geist-Organismus achten. Das ist wie Humuswirtschaft auf den Feldern, naturnahe Waldnutzung, nachhaltiges Wirtschaften oder die Bewahrung von wilder Natur in den noch verbliebenen Reservaten dieser Erde. Wenn wir wirklich darauf achten, dass wir leben anstatt nur zu überleben, müssen wir lernen, so zu geben, wie die Natur es ganz von selbst tut – wenn man sie nur lässt. Ein Atemzug: einatmen – nehmen, ausatmen – geben. 
Wie sehr schätzt du dieses Wunderwerk der Natur, das dich bewegen, atmen oder die Schönheit einer Blume sinnlich erfahren lässt? Wie sehr schätzt du die Hände mit denen du die Werke erschaffst, die dir Sinn verleihen? Wie nährst du deinen Körper, wie sehr schenkst du ihm Zeit zu regenerieren, wieviel psychischen Stress setzt du deinem System aus, weil du etwas tust, was dir widerspricht oder lebst, was du nicht leben willst?
Erntedank beginnt bei uns selbst, bei unserem eigenen Körper. So wie du mit dir und deiner „Erde“ umgehst, wirst du zwangsläufig auch mit der Natur rings um dich umgehen.
Meine Frau Jasmine, die als Künstlerin bei Transformationsprozessen arbeitet und hochrangige Manager von großen Unternehmen und Organisationen dabei unterstützt, sich wieder zu spüren, darf immer wieder das gleiche erleben: An dem Punkt, wo die Schale bricht und der Mensch wieder Zugang zu seinem Fühlen, seiner inneren Stimme und einem sinnlichen Erleben verfügt, kommt der Satz: „Ja, aber was mach ich jetzt? Wenn ich so wahrnehme und fühle, dann kann ich das nicht mehr tun, was ich gerade tue…“ Ja, genau, dann ändert sich alles – inklusive der Umgang mit unserer Erde.
In Wahrheit können wir uns es schon lange nicht mehr leisten, dass wir einfach nur nehmen ohne zurückzugeben, Wald abholzen, ohne nachzupflanzen, Flächen versiegeln, ohne neue Grünräume zu schaffen, Kulturland unter Schutz stellen, ohne die noch verbliebene Wildnis zu bewahren. Sollten wir nicht weitaus behutsamer mit unserem Ökosystem umgehen, das uns die Luft zum Atmen und das Wasser zum Trinken beschert Wie die Kleinstlebewesen in unserem Körper sind wir wechselseitig und untrennbar mit allem Leben in diesem Ökosystems verbunden und stehen in ständigem Austausch mit der Tier- und Pflanzenwelt.
Das einzig wichtige im Leben…
Wenn wir als Menschen zurückgeben wollen, sind wir automatisch dazu angehalten, lebendiger zu werden – mit allem was dazugehört, mit all dem Licht, mit allem dem Schatten. Wirklich zu fühlen bedeutet, alles zu fühlen was da ist und zu lernen, damit umzugehen. Zusammengenommen drücken alle diese Sinne auf einen Nenner vereint Beziehungsfähigkeit aus, die Fähigkeit zu lieben – das, was uns als Menschen ausmacht.
Einen Tag nachdem wir vor Portugal zurückkamen, verstarb meine Mutter im Beisein von uns, ihrer vier Kinder.
Meine Mutter war eine derjenigen Mütter, die ihr Leben voll und ganz für die Kinder aufgab, jederzeit und immer für uns da war. Die letzten Jahre verbrachte sie im Heim, da sie an zunehmender Demenz litt, die im fortschreitenden Stadium kein normales Gespräch mehr zuließ. Oft lag sie nur mehr da, war abwesend oder schlief. Und doch glich es einem Wunder, als wir vier Kinder plötzlich uns alle an diesem besagten Tag vor Ort einfanden. Ein seltener Augenblick, da wir vier sonst sprichwörtlich nur alle „heiligen Zeiten“ zusammenkommen. Als ob uns unsere Mutter gerufen hatte.
Unsere Mutter war nicht mehr anwesend, lag katatonisch da und atmete schwer. Wir nahmen uns an den Händen, beteten, sangen Lieder und sagten zu ihr: „Mutter, wir, deine Kinder sind jetzt da, du kannst jetzt gehen, es ist ok.“ Wir nahmen Abschied und begleiteten sie auf ihrer letzten Reise. Ich saß da, wollte einfach nur ganz präsent bei ihr sein, ganz da sein und sie spüren, mit ihr atmen…. und merkte wie die Atmung immer ruhiger wurde und langsamer… bis sie den letzten Atemzug machte und ging…
Für ihre Parte wählten wir das Zitat von Albert Schweitzer: „Das einzig wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“ Dieses Zitat sagt das für mich aus, was in dem Moment so fühlbar war: Die Liebe einer Mutter, und dass es einer der wichtigsten Dinge ist, im Moment des Todes von seinen Liebsten Abschied nehmen zu können. Als ob es noch einmal die Bedeutung der Liebe einer Mutter zu ihren Kindern bezeugt. Und die Liebe, die bleibt, indem sie in uns Kindern weiterlebt. Meine Mutter hatte gewartet, bis wir alle beisammen sind, hat gewartet, bis ich aus Portugal zurück bin, damit sie gehen kann.
Der Moment ihres Abschieds gehört für mich zu den heiligsten Augenblicken meines Lebens – und dazu gehört der Schmerz des Abschieds genauso wie das Gefühl von Erlösung. Wenn die Liebe bleibt – in jedem von uns – bedeutet das, dass wir fähig sind in eine lebendige Beziehung zu gehen – mit unserem eigenen Körper sowie mit anderen Menschen und anderen Lebewesen.
Ja, welche Spuren wollen wir hinterlassen, bevor wir gehen? Jede Spur, die bleibt und dabei das menschliche Herz berührt, ist eine nachhaltige Spur, da sie das Leben und die Lebendigkeit weiterträgt – so wie der Kreislauf der Natur immer wieder aufs Neue beginnt und niemals endet.
Warum ich das hier schreibe? Das, wofür ich im Moment des Todes aufrichtig dankbar war, war für das Leben, das mir meine Mutter geschenkt hat. So wie uns Mutter Erde uns tagtäglich Leben schenkt, voll und ganz für uns da ist – egal wie sehr wie sie ausbeuten oder misshandeln – wir werden mit Liebe beschenkt, mit jedem Atemzug den wir machen. Wirklich zu leben bedeutet für mich auch gleichzeitig zu lieben. Ich glaube nicht, dass das eine ohne das andere existiert.
Wenn wir beginnen, lebendiger zu werden, wird auch das Umfeld ringsum von dieser Lebendigkeit profitieren. Wenn wir beginnen zu fühlen, zu sehen, zu hören, zu riechen zu schmecken, kann unsere Natur wachsen und erblühen. Und das Geben ist dann etwas Selbstverständliches. Wie ein Atemzug: Einatmen – nehmen, ausatmen – geben, Leben.
Ich freue mich auf deinen Kommentar!
Herzlichst,
Alfred Zenz – Der Seelengärtner
Quellen:
1 HALBARTSCHLAGER, Dr. Franz, RUß Gerhard: ROTHER Wanderführer – Portugal Süd, Rota Vicentina, ROTHER Bergverlag, 5. aktualisierte Auflage 2025
2 WOHLLEBEN Peter, L. IBISCH Pierre: Wald Wissen – Vom Wald her die Welt verstehen. Erstaunliche Erkenntnisse über den Wald, den Menschen und unsere Zukunft. Ludwig Verlag, München, Originalausgabe 2023
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