„Wo immer Menschen auch hinkamen, sahen sie, dass sie nur überleben konnten, weil Bäume schon vor ihnen dagewesen waren.“ (Fred Hageneder, Der Geist der Bäume)
Es ist Hochsommer und wir befinden uns in Kroatien auf dem Weg zu einem ganz besonderen Olivenhain. Die schier unerträgliche Hitze lässt uns lustlos und träge sein. Doch das ändert sich schlagartig, als wir den Parkplatz des Besucherzentrums erreichen und uns die ersten Baum-Exemplare entgegenblicken. Die uralten, knorrigen und zum Teil extrem bizarr gewachsenen Olivenbäume könnten genauso gut irgendwelche groß gewachsenen Dickhäuter eines prähistorischen Zoos sein, so lebendig erscheinen sie uns.
Wir befinden uns hier inmitten der Olivenhaine von Lun – einer Region im nördlichen Teil der kroatischen Insel Pag. Das Besondere an den Olive Gardens of Lun ist, dass sich hier weltweit die größte Anzahl an wild gewachsenen, tausendjährigen Olivenbäumen an einem einzigen Ort befindet. An die 80.000 Olivenbäume erschaffen auf der sonst so kahlen, steinigen und baumlosen Insel, die vor allem für ihre Parties und ihren Käse bekannt ist, ein grünes Baum-Biotop, das in seiner Kraft und Schönheit im wahrsten Sinne des Wortes so einiges in den Schatten stellt.
In diesem Artikel möchte ich über die kulturelle Einzigartigkeit, Schönheit und Kraft einer zum Teil über tausendjährigen Kooperation zwischen Mensch und Baum berichten.
Welche besondere Bedeutung die tausendjährigen Oliven an diesem Ort hier haben, warum sich hier eine ungewöhnlich hohe Anzahl an pareidologischen Phänomenen („Baumgesichtern“) entdecken lässt und wie du inmitten dieser „Heiligen Haine“ auf außergewöhnlich tiefe Weise mit Bäumen in Kontakt kommst, all das erfährst du in diesem Artikel.
Das Phänomen der Pareidolie – wenn Bäume lebendig werden

Eines der Highlights ist „Lun Lace“. Es bedeutet soviel wie „Spitze(ndecke) von Lun“, da der Baum durch die unzähligen Löcher wie „bestickt“ bzw. „gewebt“ scheint.
Mit dem Eintritt in den Olivenhain eröffnete sich uns eine surreale Landschaft aus fast schon animalisch wirkenden Baumwesen. Uralte, knorrig gewachsene, spiralig gedrehte, von Wind und Wetter gezeichnete Olivenbäume, die auf kargem, steinigen Boden wurzeln… Jeder für sich ein einzigartiger Bonsai, ein eigene Persönlichkeit, die sich auf obskure Weise in pareidologischen Phänomenen sichtbar macht.* Baumwurzeln, die über Felsen fließen und eins mit der Erde werden, Bäume, die sich umarmen und eine tanzende Einheit bilden, Bäume die aussehen, als würden sie wandern…
Zur Zeit der Dämmerung, wo man in die magische Zwischenzeit eintaucht, schienen diese lebendigen Baumgestalten regelrecht zum Leben zu erwachen und sich wie Baumbart aus Herr der Ringe in Zeitlupe durch die Landschaft zu bewegen. Plötzlich blickten uns Gesichter entgegen und neugierige Baum-Augen schienen uns aufmerksam zu verfolgen. Mystisch-magisch, fantastisch, berührend und ehrfurchtgebietend sind treffende Bezeichnungen für das, was wir hier erlebten.
Ich hatte das Bedürfnis, mich Unmengen von Bäumen zu nähern, sie zu bestaunen, zu berühren und mit ihnen gemeinsam zu atmen. Jeder Baum für sich ein vom Leben gezeichnetes Wesen und gleichzeitig ein Gedächtnisspeicher des Ortes. Jede Berührung war wie ein Wieder-Anschließen an eine uralte Kraftquelle, die mit den eigenen Ahnen, der eigenen Geschichte verbindet.
Ich schoss Unmengen Fotos von diesen Baumcharakteren. Als ich diese zuhause sichtete, benannte ich sie nach dem, was mir als erstes in den Sinn kam: Äffchen, Clown, Kobold, Merlin, Wolf, Baumbart, Rehlein, Popeye, Orang Utan, Ziege, Hase, Medusa, Großkatze oder Gandalf… Es sind hunderte, die ich hier vorstellen könnte und in die ich mich regelrecht verliebt habe. Hier eine kleine Auswahl davon.
* Als Pareidolie bezeichnet man die Fähigkeit, in Bäumen, Baumrinden, Wurzeln, Wolken und Felsen Gesichter, Körper bis hin zu vertrauten Gestalten und Wesen, sehen zu können. Über das Phänomen der Pareidolie habe ich in folgendem Artikel berichtet: Pareidolie – die Fähigkeit verborgene Gesichter und Gestalten zu sehen
Die Wilden Oliven von Lun – nährende Co-Kreation zwischen Mensch und wilder Natur
Ohne Frage waren für uns diese ausdrucksstarken und kunstvoll geformten Baumgiganten a là „Baumbart“ sicherlich das Highlight. Doch der eigentliche Grund wofür Luns Olivenhaine so bekannt sind, ist ein anderer. Die Olivenhaine von Lun zählen zu den außergewöhnlichsten Olivenstandorten im gesamten Mittelmeerraum, da es sich hier um die größten zusammenhängenden Populationen wilder Oliven an der Adria handelt.1
Die „Wilde Olive“ (Olea europaea ssp. e. var. sylvestris) auch „Oleaster“ genannt, prägt zusammen mit Steineiche, Wilder Pistazie, Feige, Aleppokiefer, Mannaesche, Zypresse und Wacholder die mediterrane Landschaft und steht als Sinnbild für die Sehnsucht nach dem Süden und dem guten Leben.
Die Wild-Olive selbst ist auch jene Unterart, aus der unsere allseits bekannte Kultur-Olive hervorgegangen ist, die seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. als wertvolle Nutzpflanze im gesamten Mittelmeerraum angebaut wird. Die allermeisten Olivenhaine, die wir dort erblicken, bestehen aus kultivierten Oliven. Diese Nutzbäume werden in der Regel über sogenannte Stecklinge vermehrt, wodurch die daraus wachsenden Pflanzen genetisch ident sind. Damit besitzen die Jungbäume alle positiven Eigenschaften der Mutterpflanze, sind aber auch alle auf gleiche Weise anfällig für Krankheiten und Schädlinge.
Anders in Lun, deren Olivengärten sich durch ihren sprichwörtlichen „Wildwuchs“ auszeichnen. Denn die Bäume vermehren sich hier auf natürliche Weise über Samen. Sie wachsen langsam von Sträuchern zu kleinen Bäumen heran, die nach gegebener Zeit kleine, ölige Früchte ausbilden. Wild gewachsene Bäume, die sich ihren Standort selbst ausgesucht haben, sind in der Regel weitaus robuster und gesünder als gepflanzte Forstware. Zusätzlich unterscheiden sich die Bäume in der Anzahl ihrer Blüten, der Form ihrer Blätter und die Art ihrer Früchte. Sind sind eben keine Klone sondern jeder Baum ist für sich ein einzigartiges Individuum und damit potenziell auch eine neue Sorte.1
Über die Jahrhunderte wurden viele dieser wilden Oliven zusätzlich noch mit kultivierten Sorten „veredelt“, um eine bessere Ölqualität zu erzielen. Eine solche Anbaumethode wurde noch an keiner anderen Stelle in Kroatien verzeichnet. Sie ist definitiv nicht die wirtschaftlichste aber dafür wohl die nachhaltigste. Denn die lange Tradition dieser Art des Olivenanbaus auf Lun hat zur Langlebigkeit der Bäume beigetragen, so dass es hier eine ungewöhnlich hohe Anzahl an über tausendjährigen Wild-Oliven gibt.1
Wie alt sind die Ältesten wirklich?
Die Ernte und Herstellung von Olivenöl in diesem Gebiet begann wahrscheinlich im 16. Jahrhundert und wurde durch Mahlen und Zerkleinern von Hand gewonnen. Bis heute werden die Oliven noch immer händisch geerntet, wenn auch die Produktion sich modernisiert hat.1 Entsprechend hochwertig ist das Öl, das von diesen „wilden“ Früchten gewonnen wird.
Wie alt so ein Olivenbaum ganz genau ist, ist aufgrund des Fehlens des Stamminneren nur schwer zu beantworten. Denn viele der an die tausend Jahre alt geschätzten Exemplare sind mittlerweile hohl. Selbst, wenn man sie fällen würde (Gott behüte!), könnten keine Jahresringe mehr gezählt werden. Das Alter des Baumes erschließt sich daher vor allem über den Stammdurchmesser in Kombination mit dem durchschnittlichen Wachstum, der in diesem Gebiet etwa 1mm pro Jahr beträgt. Demnach weist ein Baum mit einem Meter Durchmesser bereits ein Lebensalter an die 500 Jahre auf (1m DM = 500 mm Radius ≅ 500 Jahre).1
Die Besonderheit dieser „Heiligen Haine“ wurde schon früh erkannt, weshalb die Gärten 1963 als botanisches Reservat (Botanical Reserve) unter Schutz gestellt wurden. Von etwa 400 Hektar Fläche mit rund 80.000 Olivenbäumen sind davon etwa 75 Hektar für Besucher zugänglich.
Besonders bemerkenswert sind darunter etwa 1000 Wildoliven, von denen einige auf ein Alter von über 1500 Jahre geschätzt werden. Der älteste Olivenbaum in den Olivenhainen von Lun soll an die 2000 Jahre alt (!) sein und gehört damit neben Bäumen aus Griechenland, Spanien und Israel zu den drei ältesten Olivenbäumen der Welt!2 Das älteste bekannte Exemplar einer Olive steht übrigens in Vouves auf Kreta in Griechenland und wird auf bis zu 4000 Jahre geschätzt!3 Diese Zeitgiganten sind gleichzeitig auch das Highlight und das Aushängeschild von Luns Olivengärten.
Ein botanisches Reservat und kulturelles wie natürliches Erbe von hohem Wert
Einst dürfte diese karge Insel grün und baumreich gewesen sein,… bis die Römer kamen, die hoch organisiert und zweifelsohne auch Meister im Abholzen von Wäldern waren. Die Oliven von Lun haben vielleicht nur deshalb so viele Jahrhunderte und Jahrtausende überlebt, weil sie für die ansässigen Menschen hier Reichtum bedeuteten. Und das tun sie bis heute, wenn es auch Reichtum im Sinn eines kulturellen Erbes ist, das Besucher aus aller Welt anzieht und Baumliebhaber in Begeisterung und Erstaunen versetzt.
Kroatien hat acht Nationalparks, die zum UNESCO-Weltnaturerbe zählen – unter anderem die Plitvicer Seen, die Krka Wasserfälle oder die Kornaten.4 Meiner Meinung nach verdienten die Olivenhaine von Lun es, zumindest den Titel „Nationalpark“ zu erhalten.
Denn eines steht ohne Zweifel fest:Sie sind ein botanisches Reservat sowie ein kulturelles wie natürliches Erbe von außergewöhnlichem Wert.
Das Besondere an den Olivenhainen von Lun ist vor allem die Art und Weise wie wilde Natur und Mensch über die Jahrhunderte in einer nährenden Kooperation miteinander gestanden sind. Dass sich hier so viele, unterschiedliche Baumcharaktere zeigen – jeder für sich ein einziges Baumuniversum – ist mitunter dieser traditionellen Bewirtschaftungsmethode zu verdanken, die über die Jahrhunderte eine genetische Baumvielfalt hervorgebracht hat, die weltweit ihresgleichen sucht. Keine Klone sondern über 1000 tausendjährige Individuen, die bis heute erhalten geblieben sind – genau aus dem Grund, dass man sie einfach wachsen ließ. Ist das nicht eine der schönsten Arten, wie wir Menschen mit Natur „wirtschaften“ könnten?
Es gibt für jeden Menschen von Geburt an zwei Grunderfahrungen, die tief in seinem Gehirn verankert sind. Das eine ist die Erfahrung von engster Verbundenheit, das andere die Erfahrung von individueller Entfaltungsmöglichkeit. „Zeitlebens sucht jeder Mensch nach Beziehungen, die es ihm ermöglichen, sich gleichzeitig als verbunden und frei zu erleben. Nur wenn diese beiden Grundbedürfnisse gestillt werden können, ist ein Mensch in der Lage, … ein entsprechend komplexes Gehirn zu entwickeln.“ 5
Das, was an gesundem Erbe weitergeben wurde, entspringt meiner Meinung nach daraus, Teil einer Gemeinschaft zu sein und sich innerhalb dieses Kollektivs zugleich individuell entfalten zu können. Dann ist der Beitrag, den man durch das Leben des eigenen Wesenspotenzials zu geben hat, wie das Olivenöl der Wilden Oliven von Lun – nämlich einzigartig und von höchster Qualität.
Ich freue mich auf deinen Kommentar!
Mit herzlichen Grüßen,
Alfred Zenz – Der Seelengärtner
Über die feinstoffliche Wirkung der Olive habe ich in folgendem Artikel berichtet: Die Olive – 1000 Jahre Frieden
Quellen:
1 Olive gardens of Lun: https://www.de.olive-gardens.eu/
2 Visit Croatia: https://www.visit-croatia.hr/de/tours/insel-pag/Olivenbaume-von-Lun/PG-TR-135
3 Elucidation of the Origin of the Monumental Olive Tree of Vouves in Crete, Greece: https://www.mdpi.com/2223-7747/10/11/2374
4 UNESCO – World Heritage Convention: https://whc.unesco.org/en/tentativelists/5106/
5 HÜTHER, Gerald: Was wir sind und was wir sein könnten – Ein neurobiologischer Mutmacher; S. Fischer Verlag GmbH, 8. Auflage März 2017
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