Gemeiner Beifuss

Artemisia vulgaris, Familie: Korbblütler, Asteraceae

„Rauch ist alles irdische Wesen; wie es Dampfes Säule weht, schwinden alle Erdengrößen, nur die Götter bleiben steht.“ (Schiller, Das Siegesfest)

Jetzt im Hochsommer, wo sich Hitze immer wieder in heftige Gewitter entlädt und die Sonne ihre ganze Kraft entfaltet, beginnt ein ganz besonderes Kraut zu blühen. Auch wenn es häufig an Wegrändern vorkommt und bis 1,50m hoch wird, fällt diese Pflanze aufgrund ihrer unscheinbaren Blüte kaum jemandem auf. Und dennoch galt sie einst als einer der wichtigsten Heil- und Zauberpflanzen der Schamanen und wurde vor allem zum Räuchern eingesetzt. Die Rede ist vom Gemeinen Beifuss.

Sein Einsatz als rituelles Räucherwerk reicht laut Ethnobotaniker dabei bis in die Alte Steinzeit zurück. So ist der Beifuss wohl eine der ersten Schamanenpflanzen überhaupt. Überall wo der Beifuss oder verwandte Artemisia-Arten wachsen, wird mit ihm geräuchert. Dabei ist die Verwendung nahezu universal. Man räuchert Beifuss um Körper und Atmosphäre zu reinigen, Gegenstände zu weihen und heilige Räume zu schaffen. Vor allem aber soll er ungute Stimmungen transformieren und schlecht gesinnte Geistwesen vertreiben. Er gilt unter den Kräutern sicherlich als „Dämonenvertreiber.“

Das Heilkraut mit den zweifarbigen Blättern

Wenn du jetzt im Sommer darauf achtest, wirst du an nährstoffreichen Wegrändern, Ufergebüschen und Kiesgruben ein gut mannshohes Kraut mit reich verzweigtem Blütenstand entdecken können. Die Blüten selbst sind winzige, grünfarbene, Körbchen, die knäuelartig an den Trieben angeordnet sind. Das eigentliche Erkennungsmerkmal findest du aber bei den Blättern. Sie sind in feine Abschnitte geteilt und oberseits mattgrün. Wenn du sie jetzt umdrehst offenbart sich dir eine hell-weiße Blattunterseite. Das macht den Gemeinen Beifuss unverwechselbar. Zudem ist der Pflanzenstengel an sonnigen Standorten mit rötlich-braunen Streifen versehen.

Gemeiner Beifuss – Blütenstand im Sommer

Gemeiner Beifuss vor der Blüte

unscheinbare Blüten (Körbchen)

Blattoberseite mattgrün

Blattunterseite hell-weißfilzig

Pflanzenstengel mit braun-rötlichen Streifen

Ein wichtiges Frauenkraut – Die heilige Pflanze der Artemis

Wie sein botanischer Artname schon hinweist, wurde der Beifuß der griechischen Göttin Artemis geweiht. Artemis galt als wilde, jungfräuliche Jägern, als die Herrin der Tiere und erste Hebamme.1 Sie entstammt den gleichen Wurzeln wie unsere Frau Holle, die germanische Göttin der Unterwelt und Hüterin der Erde. Die Römer identifizierten sie mit ihrer Mondgöttin Diana – Herrin der Wildnis und Hüterin des weiblichen Schoßes. Pflanzen, die diesen Göttinnen geweiht waren, spielten stets eine wichtige Rolle als Frauenkraut. So auch der Beifuß.

Die mittelalterlichen Hebammen benutzten das bittere Kräutlein zur Förderung der Geburt sowie der Nachgeburt. Ebenso setzte man ihn als menstruationsförderndes Mittel ein und um eine verspätete Periode auszulösen. Der Kräuterarzt Otto Brunfels (1534) verschreibt eine Abkochung als Sitzbad für Unfruchtbare, da es den Uterus reinigt, entspannt und wärmt.2 Tatsächlich ist die gynäkologische Anwendung dieser Pflanze universal. In Nordindien, China und Tibet wird Artemisia vulgaris noch immer bei zu lange dauernden Monatsblutung, bei Weissfluss und zur Förderung der Empfängis benutzt.2

Achtung! Da der Gemeine Beifuss das abortiv wirkende Thujon enthält, darf er NICHT während der Schwangerschaft getrunken werden!

Der Begleiter über die Schwelle

Aber der Beifuss hatte nicht nur aus naturmedizinischer Sicht viel mit dem Gebären zu tun. In erster Linie fand und findet er als Heilkraut Einsatz im geistig-seelischen Bereich des Menschen. Die Geburt selbst ist ein Gang über die Schwelle, von der einen Seite des Seins zur anderen. Beim Tod wird dieselbe Schwelle in die entgegengesetzte Richtung überquert. Geburt und Tod sind die maßgeblichen Schwellen, die in andere Seins-Zustände oder Welten führen. Der Beifuss, der in der Signatur seiner grün-weißen Blätter schon darauf hinweist, dass er in „beiden Welten“ angesiedelt ist, vermag in seiner feinstofflichen Wirkung solcherart „Übertritte“ zu ermöglichen, zu begünstigen oder dabei Schutz zu gewähren.

In allen Erdteilen, wo Beifuss wächst, setzten ihn indigenen Kulturen daher als Räucherkraut bei jeder Art von Übergangsritualen ein. Überall dort, wo der Mensch an die Grenzen des Alltäglichen stößt, an die Nahtstelle zur Anderswelt – während der Geburt, bei der Jugendinitiation, der Schamanenweihe, der Krankenheilung oder wenn es um Sterben und Tod ging.3

Der Flug des Schamanen – Die Wirkung von Beifuss-Rauch

Der Rauch dient dazu um die Atmosphäre zu reinigen und einen heiligen Raum zu schaffen, so dass sich Götter, Ahnen und andere Geistwesen offenbaren können.
Für die Lakota-Indianer (Sioux) beispielsweise öffnet der Beifuss den Zugang zum Heiligen, zum Numinösen („Wakan“). So wird derjenige, der eine Vision sucht und seinem tierischen Schutzgeist begegnen will, mit Beifuss geräuchert und eingerieben. Bei den Cheyenne wird jedes Zeremonial-Tipi, in dem sakrale Rituale stattfinden, mit Beifuss umlegt. Auch Kriegs- und Jagdwaffen wurden einst mit der Pflanze rituell gereinigt.2

Für manchen Schamanen ist der Beifuss damit ein unverzichtbarer Begleiter. Der Schamane oder Medizinmann hat im Stamm die Fähigkeit sich derart tief in Trance zu begeben um in völlig andere Welten und Ebenen des Unterbewusstseins zu reisen. Dort findet er verlorene Seelenteile, erhält wertvolle Botschaften oder vermag mit den Geistern und Göttern zu kommunizieren um Heilung zu erbeten. Da seine Seele dabei oft nur mehr wie ein dünner Faden mit dem Körper verbunden ist, bedarf es eines guten Schutzes sowie einer guten Führung um wieder gut und gesund zurückzukommen. Der Beifuss gilt hier als ein Pflanzenverbündeter, der dem Schamanen einerseits „Flügel“ verleiht und damit den Übertritt erleichtert, und gleichzeitig schützt er ihn vor dämonischen Begegnungen.

„Prärie Sage“ – Das Mißverständnis mit dem Weißen Salbei

Bei den Indianern Nordamerikas war der Beifuss eine hochverehrte Pflanze. Wie bereits weiter oben beschrieben, ist der Gebrauch in manchen Stämmen bis heute erhalten geblieben. In allem war und ist es aber der Steppenbeifus (Artemisia ludoviciana), der hier verwendet wurde und nach wie vor wird. Er sieht vom Habitus unserem heimischen Beifuss ähnlich, hat aber eine insgesamt grau-weiße Blattfärbung, was ihm auch den Namen „White Sagebrush“ eingebracht hat.

Vom Beifuss zum Salbei

Als die ersten englischen Siedler diesen Beifuss in der Steppe vorfanden, nannten sie ihn daher „prarie sage“, was so viel wie „Steppensalbei“ bedeutete. Das kam daher, dass der in Europa bekannte Gartensalbei ebenfalls graue, aromatisch duftende Blätter hatte. Einfachheitshalber wurde aus „prarie sage“ dann „sage“, was letztendlich in den britischen Wörterbüchern fälschlicherweise als „Salbei“ übersetzt wurde.

Was heißt: „prarie sage“ bezeichnet den Steppenbeifuss. Dass hier der Weiße Salbei daraus wurde ist schlichtweg ein Übersetzungsfehler.

Genaugenommen kommt der Arznei- oder Gartensalbei (Salvia officinalis) auch nicht in Nordamerika vor. Er ist nicht einmal ein Kraut, welches die eingeborenen Völker nördlich der Alpen kannten, geschweige denn rituell nutzten.1 Der Arzneisalbei ist eine Pflanze des Mittelmeerraumes und wurde erst durch christliche Mönche in die heimischen Klostergärten eingeführt.

Gemeiner Beifuss, Artemisia vulgaris

Steppenbeifuss, Artemisia ludoviciana

Gartensalbei, Salvia officinalis

Wie du den Gemeinen Beifuss zum Räuchern verwendest

Ich persönlich liebe es bei meinen Retreats und Seminaren mit Beifuss zu räuchern. Wenn du etwas von dem frischen Kraut zerreibst wirst du sofort seinen intensiv-kampferartigen Geruch wahrnehmen. Du wirst schnell spüren wie sein feiner Duft deine oberen Energiezentren (Stirn- und Scheitelchakra) belebt und öffnet und dich mit den hohen, „göttlichen“ Schwingungen verbindet.

Um ihn als Räucherkraut zu verwenden, bedarf es folgender Schritte:

Ernte:

Artemisia ist ein Kraut, das der Sonne hold ist. Seine optimale Erntezeit ist daher im Sommer (Juni bis August). Und zwar am besten bevor seine unscheinbaren Blütenknospen aufgehen. Hier schneidest du (am besten mit einem Keramikmesser), die oberen 30 bis 60cm des Blütenstandes ab.

Trocknung:

Je nach Dichte des Blütenstandes bindest du 4-8 Pflanzen zu Büscheln zusammen und hängst diese an einem schattigen und trockenen Ort auf. Gut geeignet ist hierfür ein Dachboden. Wir verwenden aus Platzgründen auch unser Stiegenhaus, um die Büschel zu trocknen. Das ist gleichzeitig dekorativ und die Kräuterbüschel verströmen einen angenehmen Geruch. Nebenbei suchen auch so manche Dämonen das Weite 😉 Nicht geeignet sind Keller, weil aufgrund der zu hohen Luftfeuchtigkeit Schimmelgefahr besteht. Nach zirka 14 Tagen Trocknungszeit, kannst du die Büschel abnehmen.

Verarbeitung:

Eine Möglichkeit das trockene Kraut zu verarbeiten ist jetzt die Blätter und Blüten abzurebeln und in ein Glas zu füllen. Zusammen mit anderen Kräutern wie z.B. Wacholder, Salbei, Johanniskraut, Mariengras und anderen zerstoße ich den Beifuss in einem Mörser und stelle je nach Bedarf meine eigenen Räuchermischungen her.

Wie du dir deinen eigenes Beifuss Räucherbündel anfertigst

Eine andere, sehr beliebte Möglichkeit ist es, die Pflanzenbüschel zu einem dichten Gebinde zu verarbeiten. Ich liebe diese Beifuss-Räuchersticks, weil sie für mich sehr archaisch anmuten. Zudem sind sie sehr funktionell und vor allem im Freien (weil auch sehr rauchstark) einfach und praktisch anzuwenden. Diese Räucherbündel sind auch unter dem Namen „Smudge-Bundle“ bekannt. Kleinere Versionen davon werden als „Räuchersticks“ bezeichnet.

Das Binden

Beifuss Räucherbündel

  1. Hierfür lässt du die Pflanzen anwelken und nicht völlig durchtrocknen. Werden die Pflanzen inganz frischem Zustand gebunden, beginnen sie leicht zu schimmeln. Sind sie bereits zu trocken, zerbröseln sie während des Bindens all zu leicht.4 (Aber immer noch besser zu trocken als zu frisch!)
  2. Je nach Dichte der Gebinde nimmst du ein oder zwei getrocknete Beifuss-Büschel und schneidest sie auf die gewünschte Länge zurecht. All zu dicke Pflanzenstengel solltest du dabei ebenfalls entfernen.
  3. Die lockeren Büschel bindest du mit Naturbast, Hanf, Baumwoll- oder Leinenfäden ganz fest zusammen. Es ist wichtig, dass sie fest aneinander gepresst sind, damit sie glühen und nicht verbrennen.
  4. Beim Verschnüren darauf achten, dass das Anfangsstück frei hängen bleibt, da es später zum Verknoten benötigt wird. Dann wird der Faden das Bündel umkreisend einmal aufwärts und wieder abwärts geführt, sodaß sich die Windungen kreuzen und mehrere X bilden.4
  5. Anfang und Ende werden verknotet. Eine gute Dicke von so einem Stick oder Bündel beträgt in etwa 3-6cm im Durchmesser.

Das Räuchern

  1. Zum Räuchern werden sie an einem Ende angezündet.
  2. Nachdem es kurz angebrannt ist, wird das Feuer sachte ausgeblasen. Die sich weiterfressende Glut wird durch zeitweises Fächeln mit einer großen Feder, blaßen oder durch Schwingen über dem Kopf am Leben erhalten.
  3. Du kannst den Stick im Freien abglimmen lassen oder die Glut stoppen, indem du das glühende Ende am Boden (Sand, Wiese, Erde) ausdrückst.4

Mehr als nur ein Gewürz für Gänsebraten

Heute ist der Beifuss vor allem noch als Gewürz bekannt, das die Verdauung anregt, die Bauchspeicheldrüse unterstützt und damit vor allem bei fettigem Fleisch wie das von Enten oder Gänsen zum Einsatz kommt. Aber die Gans ist es auch, die uns mit der mystisch-magischen Seite des Beifusses verbindet. Bei unseren keltisch-germanischen Vorfahren war der Beifuss nämlich der Wildgans geweiht. Auch sie stand symbolisch für den „Flug in die Anderswelt“. Die Gans ist der Vogel der Erdgöttin Holle, mit der noch im Mittelalter die „Hexen“ (Schamaninnen) auf Besen reitend in die Geisterwelten flogen.3

Wenn du das nächste Mal einen Gänsebraten isst oder Beifussgewürz anderweitig verwendest, denkst du vielleicht daran, welches magische Kraut du dir da zu Gemüte führst. Und wer weiß, findest du mit dem Gemeinen Beifuss DEN Pflanzenverbündeten, der dich über den Rauch wieder mit den Wurzeln und Ursprüngen deines Wesens verbindet.

Ich freue mich auf dein Kommentar!

Herzlichst,

Alfred Zenz Jun. – Der Seelengärtner

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Quellen:

1 STORL, Wolf-Dieter: Naturrituale – Mit schamanischen Ritualen zu den eigenen Wurzeln finden. AT Verlag, Baden und München, 7. Auflage 2015
2 STORL, Wolf-Dieter: Heilkräuter und Zauberpflanzen zwischen Haustür und Gartentor. AT Verlag, Aarau und Baden, 5. Auflage 2005
3 STORL, Wolf-Dieter: Mit Pflanzen verbunden. Kosmos Verlag, Stuttgart, 2005
4 WILDFIND – natürlich mehr erleben, https://www.wildfind.com/rezepte/raeucherbuendel-binden-und-raeuchern

2 Kommentare
  1. Manuela Mona Klauser sagte:

    Hallo zusammen,
    sehr schöner Beitrag über einen meiner engsten Pflanzenverbündeten! Ist es nicht auch ein bisschen so als wären die beiden, A.ludoviciana und A.vulgaris wie zwei Pole? Mir kam das gerade so,als ich draussen im Stiegenhaus zwischen einem Bündel A.ludoviciana und A.vulgaris stand, die da zum Trocknen hängen….ich spürte die silbern-weibliche weiche Mondkraft von A.ludoviciana und die klare kraftvolle Sonnen Energie vom Beifuss! Im Garten ist die A.ludoviciana schon von ihrer Erscheinung eine sehr lichtvolle und der Beifuss, der meinen Garten hütet, steht kraftvoll klar an seinem Platz! So sehe ich die beiden heute das erste Mal und wollte es mit euch teilen <3 Lieben Gruss Mona

    Antworten
    • Alfred Zenz sagte:

      Liebe Manuela Mona,

      Danke für deinen wertvollen Beitrag! Toll auch, dass du beide Arten hast und verwendest. Der Steppenbeifuss (A. ludoviciana) wächst ja auch bei uns ganz gut. In der Gartengestaltung musste ich ihn sogar vorsichtig einsetzen, da er dazu neigt sich sehr stark auszubreiten. Also dein Beitrag regt definitiv dazu an sich „beide Pole“ in den Garten zu holen 😉 Danke!

      herzlichst, Alfred

      Antworten

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